





Körperwerdung
Metall, Textil, Performance
in Kooperation mit der Künstlerin Helena Rauch
Seit 2020 treffen wir uns um gemeinsam Fragen über uns und unsere Umwelt zu bearbeiten. Wir kreisen dabei um Steine, ihre Geschichten, ihre Zeitlichkeit. Um die Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft und wie wir uns zu ihnen hingezogen fühlen. Um Kräfte, Körper und die Wahrnehmung unserer Umgebung. Immer wieder geht es um die Frage: Ist alles um uns herum beseelt? Und wie gehen wir damit um?
Ein Text der isländischen Philosophinnen Jóhannesdottír und Thorgeirsdottír war ein Ausgangspunkt. Die beiden kritisieren, dass die sogenannte westliche Philosophie das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt von einem rein kognitiven Ansatz aus diskutiert, obwohl doch unsere eigenen Körper Natur sind und daher der Ausgangspunkt für derartige Untersuchungen sein sollten.1
Aktiv wollten wir der Frage nachgehen, wie die konstruierte Trennung zwischen Menschlichem und Natürlichem aufgelöst werden kann.
Die Körper, unsere Körper rückten mehr in den Vordergrund.
Auf der Suche nach Orten, die uns berühren oder auffallen, ging es immer wieder darum, wie diese Orte entstehen. An was für einer Stelle liegen sie? Was macht sie besonders? Wurden sie aktiviert und durch wen? Können wir selbst Orte aktivieren, und wie? In der Stadt oder auf dem Land, manche Orte sind aufgeladener als andere. Ist es ein Unterschied ob ein Ort aktiviert oder nur markiert ist und warum markieren Menschen Orte. Kann man diese Orte spüren, ohne von ihnen zu wissen?
Es war ein wichtiger Schritt dazu zu stehen, dass wir uns mit der Natur verbinden wollen. Wir sind auf der Suche nach Halt, nach Ansätzen um die Welt und ihre Zusammenhänge, das Verhältnis der Wesen und Dinge zueinander zu verstehen oder zu erahnen. Umgeben von Yoga, Selbstfindung und Meditationstutorials unter dem kapitalistischen Dogma der Selbstoptimierung spürten wir jedoch Widerstand dem Bedürfnis nachzugehen.
Unserem Wunsch, eine Kosmologie zu finden steht generell ein großes Misstrauen entgegen. Unsere kulturellen Prägung - von der Aufklärung über die europäische Geschichte des Kolonialismus bis hin zum Fortschritts- und Wissenschaftsglauben des 21. Jahrhunderts - macht es uns grundsätzlich schwer „nicht rationales“ Wissen als Erklärungsform anzunehmen. Auf der Suche nach Erklärungen kamen wir oft in Kontakt mit Wissen, das außerhalb unserer kulturellen und zeitlichen Prägung liegt. Wir wissen um die Gefahr der ungebührenden Aneignung von Wissen, Ritualen und kulturellem Habitus und sehen eine schwierige Aufgabe darin, einen Weg zu finden damit verantwortungsvoll umzugehen. Respekt und Vorsicht sind unsere Begleiter auf diesem Weg.
Wir suchten Positionen, in denen wir uns anders auf unsere Körperwahrnehmung einlassen können. Die Form der Brücke, eine Öffnung des Körpers in die Welt, eine Überstreckung, in der wir uns hingeben können, wurde zum Ausgangspunkt. Dafür bauten wir Gerüste, zwei Halbkreise, die an unsere individuellen Körpergrößen angepasst sind. Die eine Liege ist etwas kleiner als die andere, dadurch passen sie ineinander. Diese Liegen erlauben uns in der Brücken-Position zu verweilen - uns auf die Körperwerdung einzulassen und Natur zu sein.
Im Mai fuhren wir für 10 Tage an einen Ort in Brandenburg und verbrachten Zeit im Wald, auf der Wiese und dem Feld. Unter, auf, zwischen den Gerüsten. Wir kreierten ein Ritual, eine Bewegungsabfolge, die uns die Entscheidungen, was als Nächstes kommt, abnahm. Die Wiederholungen, das Vertraute der Bewegungen befreite, der Kopf wurde leer. Es fühlte sich an, als wurden wir ein Teil von dem Ort – keine Fremdkörper mehr. Überkonstruktionen und Zweifel waren kurz vergessen.
Seitdem versuchen wir unsere Suche nach Zugängen zur Welt zu dokumentieren. Wir fragen uns, ob wir nicht einem alten, ur-menschlichen Bedürfnis nachgehen. Zusammengeschustert aus verschiedenen Quellen - körperlichen Erfahrungen, Dokus, Menschen die uns Geschichten erzählten, Yogastunden, Texten von Anthropolog*innen, Familientraditionen, .... - beginnen wir unsere eigene Kosmologie zu entwickeln. Die Gerüste dienen uns dabei als Prothesen, als Erweiterungen der eigenen Körper und funktionieren als Antennen, um uns mit der Umwelt zu verbinden. Durch sie werden wir zur Form, zum Teil der Landschaft.
1„Reclaiming Nature by Reclaiming the Body“ (2016) Jóhannesdóttir/Thorgeirsdóttir, University of Iceland




